Im Schatten der Kinderlähmung – das Post-Polio-Syndrom

Vor 40-50 Jahren wütete die Kinderlähmung letztmalig in großen Epidemien in Europa und in den USA. Allein in Deutschland rechnet man damit, dass etwa 1,2 Millionen Menschen Kontakt mit dem Virus hatten. Bei den meisten Kindern verging und heilte die Krankheit scheinbar ohne weitere Schäden aus. Bis zu einem Prozent der Erkrankten entwickelte die typischen Lähmungssymptome. Bei vielen Gelähmten blieben dauerhafte Schäden zurück, andere erholen sich innerhalb eines Jahres scheinbar vollständig. Doch heute leiden Tausende an den Spätfolgen.

Tausende an Kinderlähmung Erkrankte konnten nur überleben, weil sie Wochen, Monate oder gar Jahre in der eisernen Lunge zubrachten. Etwa zwei Prozent der schwer erkrankten Kinder starben an der Kinderlähmung. Es gibt Bilder aus den 1950er Jahren: In großen Sälen stehen die Eisernen Lungen Reihe an Reihe. In jeder der Röhren liegt ein krankes Kind. Medizinisches Personal in weißer Berufskleidung steht zwischen den Beatmungsmaschinen. Was man nicht sieht, sind jene Tausende von Kindern, die nicht das Privileg dieser lebensrettenden Behandlung hatten.

Allein im Jahr 1952 gab es in Deutschland 9706 Erkrankungen und 776 Todesfälle. Die Behörden waren weitgehend hilflos. Im Interview mit Margit Glasow erklärte Hans-Joachim Wöbbeking vom Bundesverband Polio e. V. dazu:

„Es war zunächst nicht einfach, in Deutschland gemeinsam wirkungsvolle Maßnahmen gegen diese  schreckliche Krankheit und ihre Folgen zu finden. Die auf dem Gebiet der Kinderlähmung tätigen privaten Vereine und Verbände konnten bei aller Anerkennung ihres Engagements und ihrer Leistungen diese Aufgaben nicht erfüllen, genauso wenig wie die einzelnen Behörden der Länder in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen. So stand folgerichtig die Schaffung einer zentralen Organisation zur Bekämpfung der Kinderlähmung in der Bundesrepublik Deutschland auf der Tagesordnung.“ Mit der Gründung der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung e. V. im August 1954 begann man schließlich, alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit zu koordinieren und zu intensivieren.

Kampf gegen Polio in Deutschland

Das erste Rundschreiben der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung vom Juli 1955 war jedoch die Absage der bereits vorbereiteten ersten Polio-Impfung in der Bundesrepublik Deutschland.

Was war geschehen? „Wenige Wochen nach der stolzen Verkündung der erfolgreichen Ergebnisse eines Impfgroßversuches im Jahr 1955 traten in Amerika einzelne Polio-Fälle auf, die eindeutig im Zusammenhang mit der Impfung standen. In der Folgezeit wurden weitere, insgesamt 204 Fälle bekannt, die auf die Verwendung eines in den USA produzierten Totimpfstoffes gegen Polio zurückzuführen waren“, so Wöbbeking.

So kam es, dass im Jahr 1960 in der Bundesre­publik von den bis 4-jährigen Kindern lediglich 8 Prozent und von den 5- bis 14-jährigen Kindern lediglich 3 bis 4  Prozent mit dem Totimpfstoff geimpft wurden. Das Ergebnis war, dass hier im Jahr 1960 noch fast 60 Erkrankte auf 1 Million Einwohner kamen, während in Dänemark, Schweden und England – wo man nahezu flächendeckend impfte – nur 1 bis 5 Erkrankungen pro 1 Million Einwohner zu verzeichnen waren. Auch in der DDR hatte man schon früher mit einem verbesserten Totimpfstoff gearbeitet und entsprechende Erfolge erzielt.

Erfolg mit der Schluckimpfung

Der Durchbruch im Kampf gegen die Kinderlähmung gelang Albert Sabin 1960. Er verwendete abgeschwächte Viren für einen Lebendimpfstoff. Nach vielen internen Diskussionen wurde im Jahr 1961 schließlich der Beschluss gefasst, den neuen oralen Lebendimpfstoff des damals lizenzierten Typ I von Sabin (Schluckimpfstoff) in Westdeutschland einzusetzen.

Hans-Joachim Wöbbeking weiß, wem die Erfolge gegen Polio-Erkrankung in der Bundesrepublik zu verdanken sind: „Die Herren Dr. Hein und Dr. Studt müssen hier mit Dankbarkeit genannt werden, weil mit ihrem Entschluss bereits im Jahr 1962 mehreren Tausend Kindern und Jugendlichen das Schicksal der Poliomyelitis erspart worden ist. So wurden bereits im ersten Durchgang mehr als 22 Millionen Personen in einem Zeitraum von rund 14 Tagen geimpft.“Wöbbeking nennt die Schluckimpfung „eine bewundernswerte Leistung des staatlichen Gesundheitswesens, die es in dieser Größenordnung bis dahin nicht gegeben hatte“.

Im Westen Deutschlands ging die Krankheit von 1962 bis 1965 um 99 Prozent zurück. 1986 und 1990 fanden hier die letzten beiden Infektionen statt, 1992 wurden die letzten importierten Infektionen registriert. Durch die Schluckimpfung haben die Ärzte die Krankheit in Europa und den anderen Ländern der nördlichen Hemisphäre besiegt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO arbeitet daran, Polio weltweit auszurotten.

Noch gibt es Länder, in denen das Virus Opfer findet. In Nigeria, Tadschikistan, Indien, Kongo und Pakistan wurden in den letzten Jahren Ausbrüche mit zum Teil Hunderten von Erkrankten und Dutzenden von Toten gemeldet. Dennoch ist die Chance groß, dass die Krankheit schließlich endgültig besiegt wird, wie schon zuvor die Pocken.

Die Spätfolgen – das Postpoliosyndrom (PPS)

Auf bis zu 50.000 schätzen Experten die Zahl der Menschen, die 40 bis 50 Jahre nach einer Ersterkrankung an Polio plötzlich wieder mit der Krankheit konfrontiert werden können. Denn heute kehrt die Kinderlähmung in Form von Spätfolgen zurück – das Post-Polio-Syndrom. Die Gründe dafür liegen in der Art und Weise, wie das Poliovirus den Körper angreift.

Wirkung von Polio

Auslöser der Poliomyelitis ist das Poliovirus. Unter dem Elektronenmikroskop zeigt es sich ihn als eine kleine Kugel mit einem Durchmesser von 28 bis 30 Millionstel Millimeter (nm). 3D-Modelle zeigen das Virus als einen flockigen Ball. Seine Oberfläche besteht aus einem Mosaik von Eiweißmolekülen.

Aufgenommen wird der Erreger durch den Mund – etwa über unsaubere Lebensmittel. Er wandert unversehrt durch den Magen und beginnt, sich im Darm zu vermehren. Bei der Mehrzahl der Infizierten werden die Viren ausgeschieden, ohne dass es zu Symptomen kommt. Wenn es dem Erreger gelingt, in die Lymphe und in die Blutbahn zu gelangen (das ist bei etwa einem Prozent der Infizierten der Fall), siedelt er sich bevorzugt in jenen Nervenzellen an, die Bewegungsmuskulatur steuern.

Körpereigene Abwehrzellen beginnen den Kampf gegen die Eindringlinge. Es kommt zu Entzündungen. Es sind diese Entzündungen, die die Nervenzellen zerstören. Wenn mehr als 50 Prozent dieser Nervenzellen abgestorben sind, können die Muskeln nicht mehr bewegt werden. Das geschieht meist plötzlich – über Nacht treten Lähmungen auf.

In vielen Fällen heilt die Krankheit nach einem Jahr aus. Die Lähmungen gehen oft vollständig zurück. Die Betroffenen verspüren keine Beschwerden mehr und führen ein normales Leben.

Doch es bleiben Schäden zurück, die sich später bemerkbar machen. Denn die abgestorbenen Nervenzellen wachsen nicht nach. Stattdessen übernehmen intakt gebliebene Nervenzellen die Aufgaben ihrer toten Schwestern. Sie bilden neue Synapsen und versorgen die „verwaisten“ Muskelfasern. Durch diese zusätzliche Mehrarbeit leiden die Nervenzellen unter Dauerstress. Sie versterben früh. Lähmungen und Schmerzen kehren zurück. Die Betroffenen klagen über diffuse Beschwerden. Ärzte tun sich oft schwer, die Symptome einzuordnen. Oft dauert es lange, bis die richtige Diagnose gestellt wird. hs und mg

Adressen Polio

Selbsthilfeorganisationen

Bundesverband Polio e. V.
Beratungs- u. Geschäftstelle
Freiberger Str. 33
09488 Thermalbad Wiesenbad
Telefon 037 33 / 5 04 11 87, Fax 5 04 11 88
www.polio.sh

Polio Allianz e. V.
c/o Edeltraud Hendrich
Thaerstr. 27, 35392 Giessen
Telefon 06 41 / 2 34 33, Fax 20 19 84
www.polio-allianz.de

Polio Initiative Europa e. V.
c/o Dieter Schlegel
Lindenweg 8, 92507 Nabburg
Telefon und Fax  0 94 33 – 407
www.polio-initiative-europa.de

Medizinische Hilfe
Katholisches Klinikum Koblenz – Polio Schwerpunkt Ambulanz
Kardinal-Krementz-Str. 1-5
56073 Koblenz
Telefon 02 61 / 4 96 65 26 oder / 1 70 35
www.kk-koblenz.de

Medizinische HochschuleHannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
Neurologische Poliklinik
PPS- Spezialsprechstunde
Prof. Dr. med. R. Dengler
Telefon 05 11 / 5 32 31 22 (n. Vereinb.)
www.mh-hannover.de

Dr. med. Hans-Georg Tacke
Frankfurter Str. 71
35625 Hüttenberg-Rechtenbach
Telefon: 0 64 41 / 9 77 97 11 oder -12

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