Klinik bekämpft erstmals Krebs erfolgreich mit neuer Methode

Klinik bekämpft erstmals Krebs erfolgreich mit neuer Methode

Klinik bekämpft erstmals Krebs erfolgreich mit neuer Methode

Die photodynamische Therapie zerstört die Tumorzellen mittels Laserlicht. (Foto: Robert-Bosch-Krankenhaus)

Mit einer erst seit Kurzem in Deutschland zugelassenen Therapie hat das Robert-Bosch-Krankenhaus einen Gallengangtumor behandelt. Die Tumorzellen werden mit dem Laser verbrannt.

Bei der 73 Jahre alten Patientin wiesen Haut und Augen eine starke Gelbfärbung auf. Mit Verdacht auf Gallensteine kam sie ins Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus, wo nach Angaben der Klinik ein Cholangiokarzinom, ein bösartiger Tumor im Gallengang, diagnostiziert wurde. Dieser sei so groß gewesen, dass er bereits den Fluss der Galle behinderte.

Galle ist eine zähe Körperflüssigkeit, die in der Leber produziert, in der Gallenblase zwischengespeichert und zu den Mahlzeiten in den Zwölffingerdarm ausgeschüttet wird. Auf ihrem Weg durchläuft sie ein Gangsystem – die Gallenwege.

Tumor breitete sich in die Leber aus

Der Tumor breitete sich bereits entlang der Gallenwege weit in beide Seiten der Leber aus – zu weit, um ihn chirurgisch entfernen zu können. Für eine Chemotherapie sei die Patientin zu schwach gewesen. Prof. Jörg G. Albert, Chefarzt der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, und sein Team im Robert-Bosch-Krankenhaus entschieden sich deshalb erstmals für den Einsatz der sogenannten photodynamischen Therapie.

Erst seit Kurzem zugelassene Methode

Diese Methode gibt es zwar schon seit Jahren, ist aber erst seit Kurzem in Deutschland zur Behandlung von Gallengangstumoren zugelassen.

Für die so genannte photodynamischen Therapie bekommt der Patient über die Vene eine Substanz gespritzt, die die Zellen im Körper extrem lichtempfindlich werden lässt. Dadurch können die kranken Zellen zielgenau im Gallengang mit Laserlicht bestrahlt werden. Wie bei einem Sonnenbrand zerstört das Licht das kranke Gewebe: Die Tumorzellen verbrennen und sterben ab.

Schonender als Chemotherapie

„Damit ist die photodynamische Therapie deutlich schonender als eine Chemotherapie, die immer auch gesunde Zellen zerstört“, sagt Prof. Albert. Weil ein Gallengangstumor oft spät erkannt werde, seien die Heilungschancen nur begrenzt. Durch die photodynamische Therapie könne die Lebensqualität der Patienten erhalten oder signifikant verbessert, ihr Leben verlängert werden.

Zwei Wochen Schutz vor der Sonne

Nach Angaben des Krankenhauses hat die Patientin den rund anderthalb Stunden dauernden Eingriff sehr gut überstanden. Zwei Wochen noch lag sie in einem abgedunkelten Zimmer, musste sich vor der Sonne schützen, da auch ihre Hautzellen sehr lichtempfindlich waren und bei Sonneneinstrahlung sofort verbrannt wären.

 

Quelle: https://www.schwaebische.de/sueden/baden-wuerttemberg_artikel,-klinik-bek%C3%A4mpft-erstmals-krebs-erfolgreich-mit-neuer-methode-_arid,10934162.html


Wer seine Lebensweise ändert, braucht kaum noch Blutdruckmedikamente

Wer seine Lebensweise ändert, braucht kaum noch Blutdruckmedikamente

Wer seine Lebensweise ändert, braucht kaum noch Blutdruckmedikamente

Viele Menschen zählen zu den sog. Hochdruckpatienten. Irgendwann erhielten sie eine Bluthochdruckdiagnose und oft auch den Satz: Da müssen Sie jetzt zeitlebens Medikamente nehmen. Wer rauchte, Alkohol trank und Übergewicht hatte, bekam den Tipp, diese drei Missstände zu beheben. Konkrete Unterstützung in Sachen Ernährung oder Sport fehlte bislang. Gäbe es hier jedoch Programme oder Kurse, an denen die Patienten teilnehmen könnten, müssten viele oft schon nach vier Monaten keine Blutdruckmedikamente mehr einnehmen – wie eine Studie vom September 2018 zeigte.

Je gesünder man lebt, umso weniger Blutdruckmedikamente sind nötig

Bluthochdruck muss kein Dauerzustand bleiben, wie eine Studie zeigte, die bei einer jährlichen Konferenz der American Heart Association zum Thema „Neueste Erkenntnisse im Bereich Bluthochdruck“ vorgestellt wurde.
„Änderungen der Lebensweise – wie etwa eine gesündere Ernährung und regelmäßige Bewegung – können ganz enorm die Zahl jener Patienten reduzieren, die auf blutdrucksenkende Medikamente angewiesen sind. Dies trifft insbesondere auf Personen zu, die einen Bluthochdruck bis zu einem systolischen Wert von 160 mmHg haben und einen diastolischen zwischen 80 und 99 mmHg“, erklärt Studienautor Dr. Alan Hinderliter, Assistenzprofessor der Medizin an der University of North Carolina in Chapel Hill.

Gesunde Ernährung, Gewichtsmanagement und dreimal wöchentlich Sport

An Hinderliters Studie nahmen 129 Bluthochdruckpatienten zwischen 40 und 80 Jahren teil. Mehr als die Hälfte sollten nach den offiziellen Richtlinien nun Bluthochdruckmedikamente nehmen. Im Verlauf der Untersuchung wollte man sehen, ob sich allein mit der Änderung der Lebensweise der Blutdruck senken ließ oder ob die Patienten Blutdrucksenker einnehmen müssten.

Die Probanden wurden dazu in drei Gruppen aufgeteilt:

  • Gruppe 1 erhielt eine Ernährungsumstellung nach der DASH-Diät. Auch nahmen diese Personen an einem Kurs zur Gewichtsreduzierung inkl. dreimal wöchigem Sportprogramm teil. Die DASH-Ernährung besteht insbesondere aus Früchten, Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und Saaten. Auch fettarme Milchprodukte sind erlaubt, während nur minimale Mengen an Fleisch, Salz und Süßigkeiten gegessen werden.
  • Gruppe 2 stieg mit Hilfe eines Ernährungsberaters nur auf die DASH-Ernährung um.
  • Gruppe 3 änderte nichts, blieb also bei der gewohnten Lebens- und Ernährungsweise.

Wer gesund lebt, braucht nur noch in seltenen Fällen Blutdruckmedikamente

Nach nur vier Monaten (16 Wochen) zeigten sich die folgenden Ergebnisse:

  • Gruppe 1 verlor durchschnittlich 9,5 Kilogramm und konnte den vormals zu hohen Blutdruck um durchschnittlich 16 mmHg (systolischer Wert) und 10 mmHg (diastolischer Wert) senken.
  • Gruppe 2 konnte den hohen Blutdruck ebenfalls senken, nämlich um durchschnittlich 11 bzw. 8 mmHg.
  • Bei Gruppe 3 aber, die bei ihren alten Ernährungs- und Lebensgewohnheiten geblieben war, zeigte sich kaum eine Veränderung der Blutdruckwerte.
  • Zum Studienende benötigten also nur 15 Prozent von Gruppe 1 Blutdruckmedikamente. In Gruppe 2 waren es 23 Prozent und in Gruppe 3 musste die Hälfte schliesslich Blutdruckmedikamente nehmen.

Professor Hinderliter empfiehlt nicht nur Bluthochdruckpatienten, sondern allen Menschen mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko, die entsprechenden Änderungen der Ernährungs- und Lebensweise umzusetzen.

Nicht nur der Blutdruck wird sich bessern!

Zu bedenken ist, dass die so positiven Ergebnisse in oben vorgestellter Studie bereits nach vier Monaten eintraten. Wer weiss, wie sich die Werte noch weiter verbessern werden, wenn die Patienten dauerhaft bei dieser Ernährungs- und Lebensweise bleiben. Denn die genannte Ernährung in Kombination mit einem gesunden Körpergewicht und regelmässiger Bewegung bessert natürlich nicht nur den Blutdruck, sondern auch

  • den Blutzuckerspiegel (und reduziert so das Diabetesrisiko),
  • die Blutfettwerte (Triglyceride und Cholesterin),
  • die Knochengesundheit (deutlich vermindertes Osteoporoserisiko),
  • die Verdauung,
  • die Lebergesundheit,
  • die kognitiven Funktionen (geringeres Demenzrisiko) usw.

Kurz, die Gesamtgesundheit wird massiv verbessert, die Leistungsfähigkeit und Fitness steigen und man fühlt sich jünger denn je.

Wir stellten schon hier eine Studie aus dem Jahr 2017 vor, in der sich ergab, dass bereits eine vierwöchige Ernährungsumstellung auf die DASH-Ernährung den Blutdruck besser senken konnte als die üblichen Blutdrucksenker.

Wie setzt man all das praktisch um?

Wenn auch Sie diese Erfolge erleben möchten, melden Sie sich noch heute in einer Sportgruppe, einem Fitnessstudio oder bei einem Personal Trainer an und informieren Sie sich hier über die Regeln einer gesunden Ernährung. Falls Sie sich eine Ernährungsumstellung selbst nicht zutrauen, nutzen Sie für die Anfangszeit die vierwöchige Entschlackungskur, die Ihnen einen wunderbaren Einstieg in die gesunde und vollwertige Ernährung bietet oder kontaktieren Sie einen ganzheitlichen Ernährungsberater.

Einen beispielhaften dreitägigen Ernährungsplan für Menschen mit Bluthochdruck finden Sie ebenfalls bei uns. Weitere köstliche Rezepte aus der gesunden Küche bietet Ihnen unsere Rezepterubrik sowie unser Kochstudio auf Youtube.

 

Quelle: Zentrum der Gesundheit


Diagnose Demenz Diagnose Alzheimer

Demenz - Das Schreckgespenst

Demenz – Das Schreckgespenst

Krankheiten, die das Bewusstsein des Menschen betreffen, waren schon immer eine Sache der Definition. Im ICD-Katalog der WHO war Homosexualität bis 1992 als Krankheit erfasst. Im aktuellen Verzeichnis der psychiatrischen Krankheiten (DSM-IV-TR) gilt eine intensive, schwächende und andauernde Trauer von mehr als sechs Monaten Länge als behandlungsbedürftig. Und die Vergesslichkeit und nachlassende kognitive Fähigkeit unserer Großeltern heißt heute Demenz – meist noch mit dem Zusatz „Alzheimer“.

Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland gegenwärtig 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen mit Demenz. Die meisten Betroffenen sind über 85 Jahre alt. Dass die Zahl der Erkrankungen rasant zunimmt, wird von neuesten Forschungs­ergebnissen allerdings nicht belegt. Die Framingham-Herz-Studie (eine Langzeitstudie) ergab, dass die Erkrankungszahlen in den USA zurückgehen. In den 80er-Jahren erkrankten noch etwa 3,6 Prozent der Studienteilnehmer an Demenz, 2010 waren es nur noch 2,2 Prozent.

Was ist Demenz?

Nachdem die „Volkskrankheit Demenz“ eine breite öffentliche Aufmerksamkeit genießt, scheint jeder zu wissen, worum es sich dabei handelt. Doch entgegen der landläufigen Meinung ist Demenz keine Krankheit, sondern ein Oberbegriff für eine Vielzahl von Symptomen, die ganz unterschiedliche Ursachen haben können. Es gibt kein einheitliches Krankheitsbild, wie etwa bei einer Blinddarmreizung oder einer Hirnhautentzündung.
Es sind bis jetzt etwa 50 Erkrankungen und Ursachen bekannt, die Demenzsymptome auslösen können. Nachwirkungen einer Vollnarkose, Nebenwirkungen von Medikamenten, Wechselwirkungen verschiedener Medikamente miteinander, Schilddrüsenunterfunktion, unbehandelter Diabetes, Altershirndruck, starke seelische Belastungen, Hirnblutungen, Hirntraumata und Schlaganfälle sind nur einige davon.
Diese Ursachen zu erkennen ist oft schwierig und langwierig, und Zeit ist ein knappes Gut in Arztpraxen. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb die Diagnose „Demenz vom Alzheimer-Typ“ so häufig gestellt wird. Das ist eine Ausschluss-Diagnose: Wenn der untersuchende Arzt keine andere Ursache findet, dann muss es wohl Alzheimer sein. Oder?

Diagnose oder Kunstfehler?

Oft wird die Diagnose Demenz vorschnell gestellt, sagt Cornelia Stolze, Autorin des 2011 erschienenen Bestsellers „Vergiss Alzheimer“. Viele Ärzte attestieren älteren Menschen bereits nach wenigen Wochen eine unheilbare Hirnkrankheit. Dabei weiß man seit Langem, dass die Symptome häufig vorübergehend sind. Sei es, weil die Ursache von allein verschwindet. Oder weil ein sorgfältiger Arzt dem Auslöser auf die Spur gekommen ist. In der offiziellen medizinischen Definition von Demenz steht daher explizit: „Für die Diagnose einer Demenz müssen die Symptome nach ICD über mindestens sechs Monate bestanden haben.“ In die Praxis übertragen heißt das: Jeder Arzt, der die Diagnose früher stellt, macht einen Kunstfehler, sagt Cornelia Stolze. „Die so diagnostizierten Menschen geraten in einen Teufelskreis aus falscher Diagnose und falschen Therapien, die alles nur noch schlimmer machen.“
Zudem besteht Demenz nicht einfach aus Vergesslichkeit oder Verwirrtheit. Dement ist nur, wer auch eine „massive, dauerhafte Störung weiterer Hirnleistungen“ aufweist, also Störungen der Sprache oder die Beeinträchtigung ganz alltäglicher Fähigkeiten wie etwa Gegenstände zu erkennen, Gespräche mit anderen Menschen zu verstehen oder alltägliche Handgriffe sinnvoll und in der richtigen Reihenfolge auszuführen. In ihrem neuen Buch „Verdacht Demenz?“ rät Cornelia Stolze Angehörigen von Betroffenen, den untersuchenden Ärzten zu helfen, richtig zu diagnostizieren. Angehörige können den Ärzten wichtige Informationen aus dem Leben der „Demenzverdächtigen“ geben.

Geschichte der Alzheimer-Krankheit

Die erste „Alzheimer-Patientin“, Auguste Deter, 51 Jahre alt, war Insassin der Frankfurter Heilanstalt. Ihr Mann hatte sie dort eingeliefert, nachdem sich ihr Verhalten im Zeitraum von etwa fünf Jahren auffällig verändert hatte. Sie zeigte zunehmende Verwirrtheit und emotionale Instabilität. Sie war räumlich und zeitlich desorientiert. 1901 untersuchte der Arzt Alois Alzheimer die Patientin mit dem für ihr Alter außergewöhnlichen Krankheitsbild. Nach ihrem Tod im Jahr 1906 obduzierte er ihr Gehirn. Unter dem Mikroskop fand er Eiweißablagerungen, Eiweißfäden (Fibrillen) und einen Rückgang der Hirnsubstanz.
Am 3. November des gleichen Jahres stellte er auf einer Fachtagung in Tübingen vor Psychiatern und Nervenärzten das Krankheitsbild als eigenständige Krankheit vor. Von den anwesenden Kollegen kam keine Reaktion. 1907 erschien seine Arbeit in der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie.
Drei Jahre später benannte der Psychiater Emil Kraepelin in der achten Ausgabe seines Lehrbuchs der Psychiatrie die Erkrankung nach ihrem Entdecker. Alois Alzheimer hatte eine seltene neurologische Erkrankung relativ junger Menschen diagnostiziert und beschrieben. 50 Jahre lang kannten nur wenige Fachleute den Begriff Morbus Alzheimer1.

Die Geburt einer Epidemie

Nach dem 2. Weltkrieg stieg die Zahl der altersverwirrten Menschen an. Das lag auch an der gestiegenen Lebenserwartung. Mit dem neu entwickelten Elektronen­mikroskop stellte man fest, dass die Gehirne altersdementer Personen und die von Alzheimerkranken nahezu identische Schädigungen aufwiesen. Entsprechende Studien wurden Ende der 1960er-Jahre veröffentlicht. Der US-amerikanische Neurologe Robert Katzman übernahm die Bezeichnung „Alzheimer“ für beide Formen der Demenz und behauptete 1976, die Krankheit sei „die weltweit häufigste Form der Demenz und eine Herausforderung für die öffentliche Gesundheit“. Er schuf damit einen bis heute unbesiegten, schrecklichen Giganten.
1980 wurde die Alzheimer’s Association in den USA gegründet, 1989 die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Der Begriff verbreitete sich explosionsartig. Inzwischen ist das Wort Alzheimer das Schreckgespenst aller älter werdenden Menschen.
Regierungen haben Alzheimer den Krieg erklärt und versprochen, alle Ressourcen für den Kampf zu mobilisieren. Milliarden an Forschungsgeldern wurden und werden ausgeschüttet, Tonnen von Medikamenten werden dagegen verschrieben und eingenommen. Doch Wissenschaft, Medizin und Gesundheitspolitik scheinen in ihrem Kampf gegen Alzheimer keinen Schritt vorangekommen zu sein. Woran liegt das?

Das Dilemma mit der Diagnose

Es gibt heute mehrere Tests, mit denen Ärzte kognitive Einschränkungen feststellen können. Doch der Nutzen dieser Tests ist fragwürdig. Denn die Ursachen für die mentalen Ausfälle sind damit nicht geklärt. Und selbst ein schlechtes Ergebnis in diesen Tests ist kein Beweis für das Vorliegen einer Demenz. Dem Begriff „Frühdemenz“ ist daher mit äußerster Vorsicht zu begegnen. Die Forschung versucht seit Jahren mithilfe von bildgebenden Verfahren, Untersuchungen von Blut oder gar von Rückenmarksflüssigkeit Alzheimer bei lebenden Menschen nachweisen zu können. Bisher vergebens.
Die Auffassung ist weitverbreitet, dass sich die Alzheimer-Krankheit posthum sicher diagnostizieren ließe. Tatsächlich lassen sich Veränderungen im Gehirn bei einer Obduktion gut erkennen. Als Nachweis der Erkrankung gelten jene charakteristischen Ablagerungen, die bereits Alois Alzheimer beschrieben hatte: Eiweißverklumpungen aus Beta-Amyloid (Plaques) oder verknäulte Fäden aus Tau-Proteinen, sogenannte Fibrillen.
Wie unsicher selbst diese Annahme ist, zeigt die Nonnenstudie. Darin untersuchen der Epidemiologe David Snowden von der Universität von Minnesota und sein Forscherteam seit 1986 amerikanische Ordensfrauen. Die Nonnen werden regelmäßig auf ihre geistige Leistungsfähigkeit getestet. Die Vereinbarung zwischen der Universität und dem Nonnenorden sieht vor, dass die Teilnehmerinnen nach ihrem Tod obduziert werden. Dabei zeigt sich Erstaunliches. In allen untersuchten Gehirnen finden sich die typischen Ablagerungen in unterschiedlichen Graden. Doch manche der Studienteilnehmerinnen waren zu Lebzeiten bis zuletzt geistig rege und klar, obwohl sie massive Ablagerungen im Gehirn hatten, während andere, deren Gehirne weit weniger geschädigt waren, als schwer dement galten. Nur in 10 Prozent der Fälle ließ sich ein direkter Zusammenhang zwischen den charakteristischen Veränderungen des Gehirns und Demenzsymp­tomen erkennen.
Vieles spricht dagegen, dass die Plaques ursächlich für die Erkrankung sind. Der Biochemiker Christian Haass hatte bereits 1992 die Beobachtung gemacht, dass das für die Alzheimer-Krankheit charakteristische Beta-Amyloid von jedem Menschen gebildet wird, nicht nur von Alzheimer-Patienten.
Die Erklärungen zu den medizinischen Ursachen von Alzheimer sind nicht stichhaltig. Das muss auch die Pharmaindus­trie immer wieder schmerzhaft feststellen. Das bekannte Pharmaunternehmen Pfizer stoppte ein großes Projekt zur Einführung eines neuartigen Alzheimer-Medikaments. Dieses konnte zwar die Plaques in den Gehirnen der Studienteilnehmer abbauen, aber den Patienten ging es dadurch nicht besser; der Zustand vieler Probanden verschlechterte sich sogar.

Diagnose mit Nebenwirkungen

„Alzheimer“ lässt sich nicht sicher nachweisen. Daher ist eine solche Diagnose immer sehr gewagt. Und sie hat immer erhebliche Nebenwirkungen, besonders wenn es sich dabei um eine Selbstdiagnose handelt. Am 7. Mai 2011 nahm sich der bekannte Industrielle, Autor und Fotograf Gunter Sachs im Alter von 78 Jahren das Leben. In seinem Abschiedsbrief erklärte er: „In den letzten Monaten habe ich durch die Lektüre einschlägiger Publikationen erkannt, an der ausweglosen Krankheit A. zu erkranken. (…) Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.“ Seinen Vertrauten war bekannt, dass Gunter Sachs unter Depressionen litt.
Natürlich führt die Diagnose Alzheimer nicht in jedem Fall zu Selbstmord; in vielen Fällen wird sie jedoch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Nicht nur sprechen Angehörige einem mit Alzheimer diagnostizierten Familienmitglied oft sämtliche mentalen Fähigkeiten ab, viele Betroffene glauben selbst, dass es von nun an nur noch bergab gehen kann. Da das Selbstbild stark auf die eigene Persönlichkeit wirkt, ist es nicht verwunderlich, wenn sich der betroffene Mensch sehr schnell in die erwartete Richtung verändert.

Medikamentöse Therapie

Es gibt eine Reihe von Medikamenten, die gern und häufig bei der Diagnose Demenz verschrieben werden. Viele von ihnen haben Nebenwirkungen, die sich kaum von den Störungen unterscheiden, die sie beheben sollen. Die aktuell zugelassenen Wirkstoffe werden auch von Fachleuten eher kritisch gesehen: „Die Acetylcholinesterase-Hemmer (AChE-I) Donepezil, Rivastigmin und Galantamin haben im frühen Stadium der Erkrankung eher bescheidene Effekte auf Kognition und Erinnerung. Dem auch zeitlich begrenzten Nutzen stehen hohe Kosten und unerwünschte Arzneimittelwirkungen gegenüber. Ein anderer Wirkstoff ist Memantin (…) Jedoch ist sein Nutzen aufgrund neurotoxischer Wirkungen umstritten.“ Das sagen Volkmar Tell und Andreas Hilgeroth, Pharmazeuten am Institut für Pharmazie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, in einem Artikel der Pharmazeutischen Zeitung aus dem Jahre 2011.

Neue Therapien

Die Forschung arbeitet momentan an neuen Projekten im Kampf gegen Alzheimer. Künstlich hergestellte Antikörper sollen als passive Impfung verabreicht werden. Passiv bedeutet, der Körper des Patienten bildet diese Antikörper nicht selbst, sie müssen immer wieder neu zugeführt werden. Gleich drei neue Wirkstoffe sind in der klinischen Erprobung. Sie richten sich jeweils gegen einen der Hauptverdächtigen für die Entstehung der Demenz vom Alzheimer-Typ: gegen die Eiweißablagerungen aus Beta Amyolid, gegen die Fibrillen aus Tau-Eiweiß und gegen Beta-Amyloid-Moleküle, die sich zu Ketten verhaken und als Vorstufe zu den Eiweißablagerungen gelten. Momentan laufen klinische Erprobungen. Im Jahr 2017 rechnet man mit den ersten Veröffentlichungen von Studien. Bis zu einer möglichen Zulassung werden noch Jahre vergehen. Das Marketing scheint aber schon recht gut zu funktionieren. Noch bevor ein entsprechender Fachartikel veröffentlicht war und von Wissenschaftlern validiert werden konnte, gab es bereits Sensationsmeldungen mit Schlagzeilen wie „Medikamente stoppen das Vergessen“ (Focus, Ende Mai 2016).

Alternative Erklärungsmodelle und Ansätze

Neben dem medizinischen Ansatz gibt es weitere Erklärungsmodelle für das Phänomen Demenz. Der österreichische Demenzforscher Erich Böhm spricht von einer Lebenskrise als Auslöser – der Lebenswille erstirbt und kehrt sich in sein Gegenteil. Böhm glaubt, Altersdemenz ist eine psychische Krankheit und damit therapierbar. In seinem Buch „Verwirrt nicht die Verwirrten“ schildert er Beispiele gelungener Wiedereingliederung von Demenzpatienten in ihr häusliches Umfeld.
Die amerikanische Demenzexpertin Naomi Feil sieht in dem veränderten Verhalten eine Bewältigungsstrategie für bisher ungelöste Lebensfragen. Die oft rätselhaften und schwer nachvollziehbaren Klagen oder Anschuldigungen altersverwirrter Menschen sind laut Naomi Feil verschlüsselte Botschaften über Verluste oder andere belastende Erlebnisse in der Biografie. Die von Naomi Feil entwickelte Technik der Validation ist ein Schlüssel zum Verständnis dieser Anliegen und basiert auf einem wertschätzenden und respektvollen Umgang.
Erich Schützendorf und Helmut Wallraffen-Dreisow halten in ihrem Buch „In Ruhe verrückt werden dürfen“ ein ebenso fachkundiges wie leidenschaftliches Plädoyer für einen veränderten Umgang mit demenziell veränderten Menschen. Erich Schützendorf verteidigt „Das Recht der Alten auf Eigensinn“ in einem eigenen Buch. Die älteren und verwirrten Menschen, sagt er, müssten nicht in Verhaltensnormen gepresst werden, denen wir uns freiwillig unterwerfen. Das Problem der Demenzkranken sei in vielen Fällen die Haltung ihres sozialen Umfelds.

Die Neuroplastizität des Gehirns

Eines der wichtigsten Heilmittel liegt im Gehirn selbst. Heute weiß man, dass das Gehirn in der Lage ist, bis zum Tode neue Nervenzellen zu bilden. Vor allem die Bereiche des frontalen Cortex und des Hypocampus können sich sehr gut regenerieren. Das Gehirn braucht dazu allerdings Anregungen. In einer reizarmen Umgebung gibt es keine Notwendigkeit, neue Nervenzellen zu bilden.
Die Art der Lebensführung ist somit entscheidend für die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Vielfältige soziale Kontakte, regelmäßige Bewegung und eine gesunde Neugier halten das Gehirn offenbar länger leistungsfähig. Und selbst bei einer beginnenden Altersverwirrtheit kann ein regelmäßiges Training der kognitiven Fähigkeiten die noch vorhandenen Ressourcen stärken und schützen. Wer sein Leben jedoch eher teilnahmslos und bewegungsarm führt und vor allem viele Stunden vor dem Fernsehbildschirm verbringt, erhöht deutlich sein Risiko, Demenzsymptome zu entwickeln.

Demenz belastet

Es steht außer Frage, dass demenzielle Veränderungen eine schwere Herausforderung für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeuten. Das Gedächtnis wird unzuverlässig, vielfach haben die Betroffenen Probleme, sich zeitlich oder örtlich zu orientieren. Tätigkeiten, die zeitliche oder räumliche Planung erfordern, können sie nicht mehr ausführen. Zu erleben, dass man selbst oder ein nahestehender Mensch geistig nicht mehr richtig „funktioniert“, bringt die die vertraute Welt ins Wanken. Doch das muss nicht gleich ihren völligen Einsturz bedeuten. Denn obwohl manche Fähigkeiten verloren gehen, gelingen den Betroffenen andere Dinge sehr wohl noch, etwa im musischen Bereich. Allerdings brauchen die Betroffenen dabei Unterstützung und Hilfe. Das muss keinesfalls bedeuten, dass man ihnen alle Belastungen abnimmt und sie zur Passivität animiert – im Gegenteil, denn zu viel Fürsorge kann die Demenzsymptome eher noch verstärken.

Demenz und Gesellschaft

Im Jahre 2010 organisierte die Organisation Demenz-Support Stuttgart einen Kongress unter dem Titel „Stimmig – Menschen mit Demenz bringen sich ein“. Zum ersten Mal traten in Deutschland Demenzbetroffene bei einer öffentlichen Veranstaltung auf. Redner aus den USA, Großbritannien und Deutschland sprachen über ihr Leben mit der demenziellen Behinderung und über ihren Kampf für ihre Interessen. Seit dieser Zeit ändert sich langsam das öffentliche Bild vom demenziell erkrankten Menschen. Die damaligen Referenten werden zu weiteren Veranstaltungen und zu Talkshows in Rundfunk und Fernsehen eingeladen. Und auch in den Broschüren der Selbsthilfe­organisationen werden die Betroffenen nun nicht mehr nur als hilflose Hilfeempfänger gesehen, sondern als Personen mit Unterstützungsbedarf, aber auch mit Fähigkeiten und Potenzialen.

Fazit

Das Thema Demenz wird unsere Gesellschaft noch länger begleiten. Es reicht nicht, darauf zu vertrauen, dass die Wissenschaft ein wundersames Heilmittel gegen „Alzheimer“ finden wird. Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Lebensalter und Demenz. Denn mit dem Alter steigt das Risiko für die unterschiedlichen Ursachen und Störungen, die Demenzsymptome auslösen können, wie Operationen, Schlaganfälle, Nebenwirkungen von Medikamenten etc.
Daher kommt den Angehörigen von Menschen, die im Verdacht stehen, dement zu sein, eine große Bedeutung zu. Sie sind nicht nur bei einer möglichen Pflege und Betreuung gefragt, sondern schon vorher. Wenn sie den untersuchenden Arzt gründlich über die Krankheitsgeschichte des Angehörigen informieren, können sie helfen, dass er die richtige Diagnose findet. In vielen Fällen kann so eine Demenzkarriere vermieden werden.

Mögliche Ursachen von Demenzsymptomen

Ursachen für Demenzsymptome sind oft verborgen. Ärzte haben meist wenig Zeit, sich gründlich mit der Patientengeschichte zu befassen. Die Diagnose lautet daher oft vorschnell: Demenz vom Alzheimer-Typus. Eine Vielzahl von Ursachen kann Demenzsymptome hervorrufen. Die folgende Aufzählung zeigt nur einige der wichtigsten.

  • Mangelnde Flüssigkeitszufuhr
  • Unterzuckerung
  • Vitaminmangel
  • Erhöhter Hirndruck (Normaldruckhydroenzephalus)
  • Depression (Pseudo-Demenz)
  • Delir nach Vollnarkose Korsakow-Syndrom (Alkohol-Demenz)
  • Missbrauch von
    – Medikamenten
    – Alkohol
    – anderen Drogen
  • Grunderkrankungen wie
    – Gehirntumore
    – Morbus Parkinson
    – Schilddrüsenfehlfunktionen
    – Durchblutungsstörungen
  • Nebenwirkungen von
    – Psychopharmaka
    – Schmerzmitteln


Aktuelles aus der Pflege und Betreuungswelt: Lavendel – natürliche Hilfe gegen Kopfschmerzen

Lavendel - natürliche Hilfe gegen Kopfschmerzen

Lavendel – natürliche Hilfe gegen Kopfschmerzen

Lavendel ist berühmt für seinen angenehmen Geruch. Aber nicht nur dafür: Er hilft auch bei allerlei Krankheiten wie etwa Kopfschmerzen, Unruhe oder Migräne.
Bei innerer Unruhe, Angstgefühlen und daraus resultierenden Schlafstörungen kann Lavendel die Beschwerden lindern.

Lavendel: Anwendung und Heilwirkung

Das ätherische Öl wirkt beruhigend, entspannend, schlaffördernd, magenstärkend, stoffwechselantreibend, entzündungshemmend und keimtötend.

In den letzten Jahren ist die angstlösende Wirkung des Lavendels zunehmend in den Vordergrund getreten. Die Wirkstoffe Linalylacetat und Linalool zeigen einen regulierenden Einfluss auf die Zellen des Nervensystems. Aus dem Gleichgewicht geratene Neurotransmitter gelten heute als Ursache für ängstliche Unruhezustände.

Dieses Ungleichgewicht kann ein spezielles Lavendelöl beseitigen. In der traditionellen Pflanzenheilkunde werden getrocknete Lavendelblüten häufig beruhigenden und den Magen und Darm regulierenden Tees, auch zusammen mit beispielsweise Kamille, Fenchel oder Melisse zugesetzt.

Äußerlich kommt Lavendelöl bei Muskelschmerzen oder als mildes Antiseptikum zum Einsatz. Lavendel ist zudem ein unverzichtbarer Bestandteil der Aromatherapie bei Kopfschmerzen oder Migräne.

Im Lavendel enthaltene Wirkstoffe

Ätherisches Öl aus frischen Blüten mit v.a. Linalylacetat und Linalool, in geringen Mengen auch Limonen, Cineol und 3-Octanon. Die Zusammensetzung des ätherischen Lavendelöls hängt wesentlich von Boden und Klima ab.

Verbreitung

Die Herkunftsregion des echten Lavendels ist das westliche Mittelmeer. Besonders verbreitet ist die Pflanze in der Haute-Provence. In Mitteleuropa wird Lavendel vielfach als Zierpflanze in Gärten kultiviert.

Botanik

Der Lavendel hat blaue bis violette Blüten, die von Juni bis August blühen. Sie sind in Scheinquirlen angeordnet und besitzen einen kurzen Stiel. Die Lavendelblätter sind etwa 4 Zentimeter lang und besitzen eine längliche Form. Sie sind gegenständig angeordnet. Auf ihrer Ober- und Unterseite haben jüngere Blätter einen grauen Filz. Mit zunehmendem Alter vergrünen sie. Die Lavendelfrucht ist eine kleine, braun glänzende Nuss. Die Zweige des Lavendels sind stark verästelt. Der Strauch wird etwa 2 Meter hoch.

Andere Namen für den Echten Lavendel

Schmalblättriger Lavendel, Arzneilavendel

Wissenswertes über Lavendel

Bereits die alten Ägypter verwendeten Lavendel beim Einbalsamieren der Toten. Bei den Römern war er ein beliebter Zusatz zum Waschwasser und bei Bädern. So leitet sich sein Name auch vom lateinischen »lavare« (dt.: waschen) ab. Bis ins 20. Jahrhundert half Lavendel aufgrund seiner desinfizierenden Wirkung aus, wenn keine anderen Desinfektionsmittel zur Verfügung standen. Auch als Werkzeug der Mottenbekämpfung zur Lavendel bis heute seinen Dienst.

Die medizinische Verwendung von Lavendel kennt eine lange Tradition. Im antiken Griechenland sollte er bei der Behandlung von Menstruations- und Nierenbeschwerden helfen. Paracelsus hingegen riet bei diversen Nervenleiden zu Lavendel. Die berühmteste Kennerin von Heilpflanzen im Mittelalter, Hildegard von Bingen, sah in Lavendel ein probates Mittel gegen unkeusche Gedanken. Ein so wirksames Kraut konnte dann natürlich auch böse Geister vertreiben.

Im Jahr 2008 war Lavendel die Heilpflanze des Jahres (NHV Theophrastus).

Quelle: https://www.praxisvita.de/lavendel-1432.html

 


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Im Schatten der Kinderlähmung – das Post-Polio-Syndrom

Im Schatten der Kinderlähmung – das Post-Polio-Syndrom

Vor 40-50 Jahren wütete die Kinderlähmung letztmalig in großen Epidemien in Europa und in den USA. Allein in Deutschland rechnet man damit, dass etwa 1,2 Millionen Menschen Kontakt mit dem Virus hatten. Bei den meisten Kindern verging und heilte die Krankheit scheinbar ohne weitere Schäden aus. Bis zu einem Prozent der Erkrankten entwickelte die typischen Lähmungssymptome. Bei vielen Gelähmten blieben dauerhafte Schäden zurück, andere erholen sich innerhalb eines Jahres scheinbar vollständig. Doch heute leiden Tausende an den Spätfolgen.

Tausende an Kinderlähmung Erkrankte konnten nur überleben, weil sie Wochen, Monate oder gar Jahre in der eisernen Lunge zubrachten. Etwa zwei Prozent der schwer erkrankten Kinder starben an der Kinderlähmung. Es gibt Bilder aus den 1950er Jahren: In großen Sälen stehen die Eisernen Lungen Reihe an Reihe. In jeder der Röhren liegt ein krankes Kind. Medizinisches Personal in weißer Berufskleidung steht zwischen den Beatmungsmaschinen. Was man nicht sieht, sind jene Tausende von Kindern, die nicht das Privileg dieser lebensrettenden Behandlung hatten.

Allein im Jahr 1952 gab es in Deutschland 9706 Erkrankungen und 776 Todesfälle. Die Behörden waren weitgehend hilflos. Im Interview mit Margit Glasow erklärte Hans-Joachim Wöbbeking vom Bundesverband Polio e. V. dazu:

„Es war zunächst nicht einfach, in Deutschland gemeinsam wirkungsvolle Maßnahmen gegen diese  schreckliche Krankheit und ihre Folgen zu finden. Die auf dem Gebiet der Kinderlähmung tätigen privaten Vereine und Verbände konnten bei aller Anerkennung ihres Engagements und ihrer Leistungen diese Aufgaben nicht erfüllen, genauso wenig wie die einzelnen Behörden der Länder in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen. So stand folgerichtig die Schaffung einer zentralen Organisation zur Bekämpfung der Kinderlähmung in der Bundesrepublik Deutschland auf der Tagesordnung.“ Mit der Gründung der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung e. V. im August 1954 begann man schließlich, alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit zu koordinieren und zu intensivieren.

Kampf gegen Polio in Deutschland

Das erste Rundschreiben der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung vom Juli 1955 war jedoch die Absage der bereits vorbereiteten ersten Polio-Impfung in der Bundesrepublik Deutschland.

Was war geschehen? „Wenige Wochen nach der stolzen Verkündung der erfolgreichen Ergebnisse eines Impfgroßversuches im Jahr 1955 traten in Amerika einzelne Polio-Fälle auf, die eindeutig im Zusammenhang mit der Impfung standen. In der Folgezeit wurden weitere, insgesamt 204 Fälle bekannt, die auf die Verwendung eines in den USA produzierten Totimpfstoffes gegen Polio zurückzuführen waren“, so Wöbbeking.

So kam es, dass im Jahr 1960 in der Bundesre­publik von den bis 4-jährigen Kindern lediglich 8 Prozent und von den 5- bis 14-jährigen Kindern lediglich 3 bis 4  Prozent mit dem Totimpfstoff geimpft wurden. Das Ergebnis war, dass hier im Jahr 1960 noch fast 60 Erkrankte auf 1 Million Einwohner kamen, während in Dänemark, Schweden und England – wo man nahezu flächendeckend impfte – nur 1 bis 5 Erkrankungen pro 1 Million Einwohner zu verzeichnen waren. Auch in der DDR hatte man schon früher mit einem verbesserten Totimpfstoff gearbeitet und entsprechende Erfolge erzielt.

Erfolg mit der Schluckimpfung

Der Durchbruch im Kampf gegen die Kinderlähmung gelang Albert Sabin 1960. Er verwendete abgeschwächte Viren für einen Lebendimpfstoff. Nach vielen internen Diskussionen wurde im Jahr 1961 schließlich der Beschluss gefasst, den neuen oralen Lebendimpfstoff des damals lizenzierten Typ I von Sabin (Schluckimpfstoff) in Westdeutschland einzusetzen.

Hans-Joachim Wöbbeking weiß, wem die Erfolge gegen Polio-Erkrankung in der Bundesrepublik zu verdanken sind: „Die Herren Dr. Hein und Dr. Studt müssen hier mit Dankbarkeit genannt werden, weil mit ihrem Entschluss bereits im Jahr 1962 mehreren Tausend Kindern und Jugendlichen das Schicksal der Poliomyelitis erspart worden ist. So wurden bereits im ersten Durchgang mehr als 22 Millionen Personen in einem Zeitraum von rund 14 Tagen geimpft.“Wöbbeking nennt die Schluckimpfung „eine bewundernswerte Leistung des staatlichen Gesundheitswesens, die es in dieser Größenordnung bis dahin nicht gegeben hatte“.

Im Westen Deutschlands ging die Krankheit von 1962 bis 1965 um 99 Prozent zurück. 1986 und 1990 fanden hier die letzten beiden Infektionen statt, 1992 wurden die letzten importierten Infektionen registriert. Durch die Schluckimpfung haben die Ärzte die Krankheit in Europa und den anderen Ländern der nördlichen Hemisphäre besiegt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO arbeitet daran, Polio weltweit auszurotten.

Noch gibt es Länder, in denen das Virus Opfer findet. In Nigeria, Tadschikistan, Indien, Kongo und Pakistan wurden in den letzten Jahren Ausbrüche mit zum Teil Hunderten von Erkrankten und Dutzenden von Toten gemeldet. Dennoch ist die Chance groß, dass die Krankheit schließlich endgültig besiegt wird, wie schon zuvor die Pocken.

Die Spätfolgen – das Postpoliosyndrom (PPS)

Auf bis zu 50.000 schätzen Experten die Zahl der Menschen, die 40 bis 50 Jahre nach einer Ersterkrankung an Polio plötzlich wieder mit der Krankheit konfrontiert werden können. Denn heute kehrt die Kinderlähmung in Form von Spätfolgen zurück – das Post-Polio-Syndrom. Die Gründe dafür liegen in der Art und Weise, wie das Poliovirus den Körper angreift.

Wirkung von Polio

Auslöser der Poliomyelitis ist das Poliovirus. Unter dem Elektronenmikroskop zeigt es sich ihn als eine kleine Kugel mit einem Durchmesser von 28 bis 30 Millionstel Millimeter (nm). 3D-Modelle zeigen das Virus als einen flockigen Ball. Seine Oberfläche besteht aus einem Mosaik von Eiweißmolekülen.

Aufgenommen wird der Erreger durch den Mund – etwa über unsaubere Lebensmittel. Er wandert unversehrt durch den Magen und beginnt, sich im Darm zu vermehren. Bei der Mehrzahl der Infizierten werden die Viren ausgeschieden, ohne dass es zu Symptomen kommt. Wenn es dem Erreger gelingt, in die Lymphe und in die Blutbahn zu gelangen (das ist bei etwa einem Prozent der Infizierten der Fall), siedelt er sich bevorzugt in jenen Nervenzellen an, die Bewegungsmuskulatur steuern.

Körpereigene Abwehrzellen beginnen den Kampf gegen die Eindringlinge. Es kommt zu Entzündungen. Es sind diese Entzündungen, die die Nervenzellen zerstören. Wenn mehr als 50 Prozent dieser Nervenzellen abgestorben sind, können die Muskeln nicht mehr bewegt werden. Das geschieht meist plötzlich – über Nacht treten Lähmungen auf.

In vielen Fällen heilt die Krankheit nach einem Jahr aus. Die Lähmungen gehen oft vollständig zurück. Die Betroffenen verspüren keine Beschwerden mehr und führen ein normales Leben.

Doch es bleiben Schäden zurück, die sich später bemerkbar machen. Denn die abgestorbenen Nervenzellen wachsen nicht nach. Stattdessen übernehmen intakt gebliebene Nervenzellen die Aufgaben ihrer toten Schwestern. Sie bilden neue Synapsen und versorgen die „verwaisten“ Muskelfasern. Durch diese zusätzliche Mehrarbeit leiden die Nervenzellen unter Dauerstress. Sie versterben früh. Lähmungen und Schmerzen kehren zurück. Die Betroffenen klagen über diffuse Beschwerden. Ärzte tun sich oft schwer, die Symptome einzuordnen. Oft dauert es lange, bis die richtige Diagnose gestellt wird. hs und mg

Adressen Polio

Selbsthilfeorganisationen

Bundesverband Polio e. V.
Beratungs- u. Geschäftstelle
Freiberger Str. 33
09488 Thermalbad Wiesenbad
Telefon 037 33 / 5 04 11 87, Fax 5 04 11 88
www.polio.sh

Polio Allianz e. V.
c/o Edeltraud Hendrich
Thaerstr. 27, 35392 Giessen
Telefon 06 41 / 2 34 33, Fax 20 19 84
www.polio-allianz.de

Polio Initiative Europa e. V.
c/o Dieter Schlegel
Lindenweg 8, 92507 Nabburg
Telefon und Fax  0 94 33 – 407
www.polio-initiative-europa.de

Medizinische Hilfe
Katholisches Klinikum Koblenz – Polio Schwerpunkt Ambulanz
Kardinal-Krementz-Str. 1-5
56073 Koblenz
Telefon 02 61 / 4 96 65 26 oder / 1 70 35
www.kk-koblenz.de

Medizinische HochschuleHannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
Neurologische Poliklinik
PPS- Spezialsprechstunde
Prof. Dr. med. R. Dengler
Telefon 05 11 / 5 32 31 22 (n. Vereinb.)
www.mh-hannover.de

Dr. med. Hans-Georg Tacke
Frankfurter Str. 71
35625 Hüttenberg-Rechtenbach
Telefon: 0 64 41 / 9 77 97 11 oder -12

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